
- Weihnachten mit Ringelnatz - Diogenes Verlag
Nur Loriots berühmter Großvater, der sein Weihnachtsgeschenk "Wir bauen ein Atomkraftwerk" aufbaut, könnte noch besser Weihnachten feiern. Aber dann kämen gleich die Helden in den Weihnachtsbüchern des Diogenes Verlages, der DAS Weihnachtsbuch schlechthin mit 20 Geschichten herausbrachte sowie eine wunderbare Ringelnatz-Gedichte-Sammlung. Beide Bücher werden all den Weihnachtsmuffeln und Geschenkeverweigerern gerecht, die sich am liebsten in der Weihnachtszeit zuhause unter einer Wolldecke verstecken würden, bis die Silvesterböller zu hören sind.
Plätzchenbacken mit Jakob Hein
Genau das tut der Tagebuchschreiber in der Geschichte des Leipziger Nachwuchsautors Jakob Hein nämlich: Er verkriecht sich so lange, bis seine Frau ihn zwingt, eine vorweihnachtliche Aufgabe zu übernehmen. Nun ja, dann lädt er alle Freunde in seine Küche zum Plätzchenbacken ein. Wie das ausgeht, ist zum Schreien komisch, der Schluss deutet es an: "Nur durch viel Führungskraft und das Abschließen meiner Wohnungstür von innen gelang es mir, das Backen geordnet zu beenden. Jeder bekam eine kleine Tüte Weihnachtsgebäck mit nach Hause. Reine Nettigkeit meinerseits, denn die meisten hätten noch fürs Gehen bezahlt. Meine Frau konnte zufrieden mit mir sein."
Robert Gernhardt: Was kosten die Geschenke?
Noch ein Zitat? Okay, dann eine bissige Rechenaufgabe des verstorbenen Frankfurter Lyrikers Robert Gernhardt: "Ich bin Erika. Jetzt kommt Weihnachten. Ich schenke Vati ein Tischfeuerzeug zu 22,50 DM. Vati schenkt Michael Tennisschläger zu 22 DM. Michael schenkt Mutti eine Schälmaschine zu 19,70 DM. Mutti schenkt mir Schallplatten im Wert von 18 DM. 4,50 DM muss ich noch bekommen. Von wem? Ich bin so gespannt auf Weihnachten."
Charles Bukowski, Alphonse Daudet, Charles Dickens, Joachim Ringelnatz, Martin Suter
Von Charles Bukowski und Alphonse Daudet über Charles Dickens bis Joachim Ringelnatz sind viele "hinterhältige" Texte von Schriftstellern der Weltliteratur versammelt, die eine verrückte, manchmal auch nachdenkliche Posse zum Thema Advent und Weihnachten auf Lager haben. Der für seine treffenden Fettnäpfchen-Geschichten aus dem Berufsalltag bekannte Schweizer Autor Martin Suter zum Beispiel lässt seinen Helden Egloff zu einer Weihnachtsfeier in der künftigen Firma gehen, wo er Herrn Winterberg kennen zu lernen glaubt und betrunken kräftig mit ihm Lieder absingt. Die vermutlich fatalen Folgen für seine Karriere kann sich der Leser selbst denken.
Ein Weihnachtskrimi von Georges Simenon
Anders als viele Anthologien, deren Herausgeber gleich zu Anfang ihr Pulver mit prominenten Namen verschießen, steigert sich der erzählerische Reigen dieser Sammlung zum Ende hin noch einmal in karikaturistische Höhen, wenn Wladimir Kaminer, Georges Simenon und Maarten 't Hart ihre Geschichten zum Besten geben. In Georges Simenons Weihnachtskrimi "Das Restaurant an der Place des Ternes" gibt es natürlich eine Leiche, allerdings keinen Mörder, sondern ein unbedarftes junges Mädchen und eine Pariser Prostituierte, die sich in der Weihnachtsnacht unfreiwillig näher kommen, um sich nach Mitternacht in einer Kurzzeitzelle mit einigen Hundert anderen Randalierern auszunüchtern.
Wladimir Kaminer und Maarten 't Hart neben Anton Cechov, Henry Slesar, Richard Ford
Wladimir Kaminer berichtet über den verunglückten Ausflug seines Freundes Georgi mit einer Motorradbraut, der immerhin ein langfristig gutes Ende bewirkt: Georgi gewöhnt sich erfolgreich das Rauchen ab. Und Maarten 't Hart versetzt sich als Erzähler in den Körper und die Psyche eines Mannes, der tiefes Glück dabei empfindet, im Vorweihnachtstrubel der bedeutendsten Amsterdamer Einkaufsstraße "frauenhaft", sprich in Frauenkleidern unterwegs zu sein. Erwartungsgemäß erlebt er dabei einige absurde Abenteuer.
Ideale Weihnachtsgeschichten für Weihnachtsmuffel
Wer keine Lust oder kein Geld hat, Geschenke zu besorgen, oder wer jemanden beschenken möchte, der kein Geschenk haben will oder sonstwie weihnachtsresistent ist, aber vielleicht gern lustige Geschichten zur Weihnachtszeit liest, der tätigt mit dem Erwerb der "hinterhältigen Weihnachtsgeschichten" einen sinnvoll Kauf - und steht am Weihnachtsabend nicht mit leeren Händen da. Immerhin, die Geste zählt auch, da muss selbst der muffigste Muffel gute Miene machen. Für die hart gesottenen, aber lyrisch veranlagten Muffköpfe tut es die preiswerte Hardcover-Ausgabe mit gereimten und ungereimten Texten von Joachim Ringelnatz, der eingängig "Einsiedlers Heiligen Abend" verdichtet und dabei jegliche Einsamkeitsgefühle vertreibt:
"Da hat's an die Tür gepocht / Und pochte wieder und wieder. / Es konnte das Christkind sein. / Und klang's nicht wie Weihnachtslieder? / Ich aber rief nicht: 'Herein!' / Ich zog mich aus und ging leise / Zu Bett, ohne Angst, ohne Spott, / Und dankte auf krumme Weise / Lallend dem lieben Gott."
Dietmar Bittrich schrieb ein "Weihnachtshasserbuch"
Wer dann noch nicht genug hat, sollte sich von Wiglaf Droste, Nikolaus Heidelbach und Vincent Klink in den Schlaf singen lassen. Etwas weniger literarisch, dafür solidarisch mit all den Menschen, die vor dem Weihnachtsfest die Flucht antreten, weil es für sie ein gefährliches Minenfeld darstellt oder einfach nur nervig ist, geht es in dem auf satirische Weise informativen "Weihnachtshasserbuch" von Dietmar Bittrich zu, das Rowohlt zum Bestpreisseller für 5 Euro vertreibt. Mehr Anti-Weihnachten ist für weniger Geld wohl kaum zu haben (siehe auch Anti-Lesetipps).
Kim Fishers Gebrauchsanweisung gegen Weihnachtskatastrophen
Und für diejenigen, die trotzdem gerne dabei wären und sich bemühen und abrackern, in diesem Jahr alles "richtig" zu machen, letztlich aber nicht so genau wissen, wie Weihnachten eigentlich funktioniert, gibt es eine humorvolle und nützliche Gebrauchsanweisung für Advent, Weihnachten, Geschenke, Plätzchenbacken und Feierfreude. Man findet skurrile Erfahrungsberichte, Anleitung, Vorbilder und gute Tipps in einem Handbuch der Weihnachtskatastrophen, das die Unterhaltungskünstlerin Kim Fisher zusammen mit der Journalistin Martina Conradt verfasst hat. "Schöne Bescherung" lässt kaum ein Fettnäpfchen aus und macht - anders als bei den Weiohnachtshassern - tatsächlich Lust auf mehr Weihnachten. Die vielen Menschen, die zu diesem Buch mit einem persönlichen Bericht beigetragen haben, nehmen kein Blatt vor den Mund, bis hin zu den "Weihnachtsbetrachtungen eines kleinen Klugscheißers". Na dann, frohes Fest!°
Daniel Kampa (Hg.): Nicht schon wieder Weihnachten! Hinterhältige Weihnachtsgeschichten sowie zwei Gedichte. Diogenes 2009. Taschenbuch. 304 Seiten. 9,90 €.
Daniel Kampa (Hg.): Weihnachten mit Ringelnatz. Diogenes 2009. Gebunden. 95 Seiten. 9,90 €.
Kim Fisher / Martina Conradt: Schöne Bescherung. Das kleine Buch der Weihnachtskatastrophen. Goldmann 2009. Kartoniert. 252 Seiten. 16,95 Euro.
Dietmar Bittrich: Das Weihnachtshasser-Buch. Rowohlt 2005. Taschenbuch. 159 Seiten. 5,00 Euro.
